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Mietwagenreise – Fellinger

Leo und Verena Fellinger, August 2013, Heimat: Seekirchen, Österreich

Island-Reise 2013 

Wenn man Island verstehen will, muss man sich vor Augen halten, dass es über Jahrhunderte ein Land des Stillstands war, ehe es von einem rasenden Wandel ergriffen wurde. Noch vor 60 Jahren waren fast alle Isländer Fischer oder Bauern. Halldór Laxness, Islands Literatur-Nobelpreisträger beschreibt das so: »Das Volk schlief zwischen Bergen, die von Geistern und Elfen wimmelten, und in dieser unberührten Landschaft, wo dennoch jedes Tal an unsere Geschichte erinnert, jeder Ausblick auf die Einöde unsere mystischsten Empfindungen symbolisiert – dort stehen wir heute wie neugeborene Menschen auf, ausgestattet mit der Originalität des Naturkindes, die Sprache der Götter auf den Lippen und über uns den von Zeichen und Wundern lodernden Morgenhimmel.« In diesem Satz liegt viel an Erklärung, denn als ein kleines Volk mit Minderwertigkeitsgefühlen mussten die Isländer alles vergrößern und mythologisieren. Darum gibt es auch noch heute so viele Mythen und Sagen, grossteils mündlich überliefert, als ständig keimende Poesie auf den Äckern der kahlen Landschaft. 

Diese Landschaft – oder besser gesagt – diese Landschaften sind es, die einen unwiderstehlichen Zauber auf uns ausüben. Es ist dieser faszinierende Kontrast aus Feuer, Eis und Stein, der uns in die Urzeit zu versetzen scheint, oder noch weiter – in die Zeit der Schöpfungsgeschichte. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass diese Insel das Atelier war, in dem Gott die Schöpfung probte. Wäre er Komponist gewesen, hätte er hier den Klang der reinen Natur erfunden: Das Seufzen des Windes, das Rauschen der Wellen, das Fauchen des Dampfes, der aus der aufgeworfenen Erdkruste entweicht und das nie endende Donnern der Wasserfälle. Wasser im Überfluss, von oben und von unten, ein unendlicher Reichtum, heiß strömt es aus jeder Lavapore. Und als ob Gott seinen bekanntesten Gegenspieler wie ein domestiziertes Haustier im Paradies halten würde, spuckt der Teufel Wasser, Lava und Schlamm aus stinkenden Schwefellöchern, zieht sich aber immer wieder in den Untergrund zurück. 

Der im 19. Jahrhundert lebende Dichter „Hjalmar Jónsson fra Bólu“ beschrieb das Phänomen Wasserfall in einem seiner vielen Naturgedichte: 

In Schluchten hörte ich einen Strom brausen,
er schrie laut und sprach:
Ich halte nirgends an,
die Zeit ist knapp bis zum Ziel.
So ruft die Zeit mir zu:
Nimm dich in Acht,
ich warte hier keinen Augenblick auf jemanden.
Beeile dich!,
denn der Wasserfall strömt abwärts,
ich trage dich auf meinen Wellen fort;
dann stürze ich mich schnell
ins Meer der Ewigkeit hinaus. 

Zudem sind die Landschaften Islands geprägt von intensiver vulkanischer Aktivität, man zählt hier nicht weniger als zweihundert postglaziale Vulkane, von denen im Durchschnitt alle fünf Jahre einer ausbricht. Das wunderbare dieser vulkanischen Aktivität ist, dass dadurch der größte Teil des Landes mit Warmwasser und Energie versorgt wird. Uns so heiß es in den unteren Bereichen der Insel ist, so eisig ist es auf den Bergen. 

Mehr als ein Zehntel der Inselfläche ist mit Gletschern bedeckt, ein schwaches Überbleibsel der Eiszeit, in der Island fast vollständig von gefrorenem Wasser bedeckt war. Von überall kann man sie sehen, diese mächtigen Eisschilde, am eindrucksvollsten ist es an der Gletscherlagune Jökulsárlón. Hier sammelt sich das Schmelzwasser des Gletschers in einer Lagune, um sanft die gekalbten Eisbrocken des Gletschers aufnehmen uns sie langsam ins offene Meer zu entlassen. Das gekalbte Eis hat ein Alter von über tausend Jahren und verweilt bis zu vier Jahre im See, bis es so klein geschmolzen ist, dass es durch den kurzen Fluss ins offene Meer hinausgetragen werden kann. Jenseits des eigentlichen Sees, direkt an den Stränden des Meeres an der Mündung des kurzes Flusses, der den Gletschersee mit dem Meer verbindet, werden die ins offene Meer herausgetriebenen Eisstücke durch die Gezeiten an den schwarzen Basalt- und Lavastrand gespült und sterben in unendlicher Würde langsam dahin. 

Und all das in diesem irren Licht, das über der Insel strahlt an den Tagen, an denen sich der Nebel verzieht. Ein Licht, das nur in den kurzen Sommern da ist und die Landschaft in sagenhaften Farbennuancen taucht. Man könnte annehmen, das Licht wurde in Island geboren. Ganz anders im Winter – hier greife ich auf Erzählungen zurück, die meine Zimmervermieterin Greta in Stykkisholmur zum Besten gab: Erst gegen halb Elf geht die Sonne auf, noch mittags herrscht diffuses Dämmerlicht. Überall in den Vorgärten und auch an den Häusern erstrahlen Lichterketten in allen Farben. Dasselbe auch in den isländischen Friedhöfen im Winter. Vor jeden Grabstein stecken die Angehörigen kurz vor Weihnachten ein rotes oder gelbes Lichterkreuz. Die bunten Farben bleiben den gesamten Winter auf dem Friedhöfen. Daran kann man erkennen, wieviel den Isländern das Licht in der dunklen Jahreszeit bedeutet. Wenn schon die Natur jahreszeitbedingt auf die Lichtmalerei verzichtet, übernehmen die Menschen diese Aufgabe. Dieses isländische Lichtschauspiel wird Winter wie Sommer noch verstärkt von den dynamischen Wattewolken, die Sonne und Himmel oft eifersüchtig verhüllen – so lange, bis der Wind die Oberhand gewinnt und alles zerzaust, bis auf einmal Sonnenlöcher entstehen, die fast überirdische Lichtstimmungen erzeugen. 

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Jetzt habe ich schon so viel von der Landschaft geschrieben und die Menschen dabei völlig vergessen. Wie sind die eigentlich, die Isländer? Freundliche und zurückhaltende Leute, die angeblich gleichzeitig von den Wikingern und den Kelten abstammt. Darum gibt es sowohl blonde und blauäugige Isländer als auch braunäugige mit roten oder dunkelbraunen Haaren. Ein gut aussehendes Volk, das es schon dreimal zu einer Miss World gebracht hat. 

Dann wäre noch die Geschichte mit den Namen. Kein Isländer hat einen Nachnamen, so wie wir ihn kennen. Stattdessen tragen sie den Vornamen ihres Vaters oder ihrer Mutter mit der Endung dottir (Tochter) oder son (Sohn). Die Kinder heißen dann zum Beispiel Freya Oskardottir oder Einar Magnusson. Da das aber leicht zu Verwechslungen führen kann, haben die meisten Isländer gleich zwei oder sogar drei Namen. Eine absolute Besonderheit in der westlichen Welt. 

Das Land selbst ist dünn besiedelt. Eingebettet in diese wunderschöne Landschaft finden sichnur spärlich Zeugnisse menschlicher Anwesenheit, außerhalb Rekjaviks nur alle paar Kilometer, die Isländer sind gewohnt, einsam zu leben. Es hat schon seine Gründe, warum viele Isländer noch heute an die Existenz von Elfen und Trollen glauben – in der wilden Einsamkeit des Hochlands, den langen dunklen Wintern und den stürmischen Winden, die manchmal ganz eigenartige Geräusche und Schatten produzieren, muss es einfach Übersinnliches geben. Oder einfach, damit sie sich außerhalb der wenigen Städte nicht so einsam fühlen. 

Zum einen gibt es da die Trolle – das sind eher ungepflegte, kauzige Nacht-schwärmer, die, sobald sie ein Sonnenstrahl erwischt, zu Stein erstarren, Elfen hingegen sehen zwar gepflegter, aber etwas seltsamer aus. Sie haben große Ohren und lange, spindeldürre Beine. Wie man dies feststellen kann, blieb mir bis heute ein Rätsel, weil ja Elfen eigentlich unsichtbar sind. Aber was solls. Umfragen auf der Insel zeigen immer wieder, dass dort die Mehrheit der Bevölkerung an Elfen glaubt – oder zumindest ihre Existenz nicht ausschließt. 

Natürlich ist das nur eine Facette dieses offenen und freundlichen Menschenschlages, aber eine durchaus realistische, wenn man diesen Begriff in dem Zusammenhang überhaupt benutzen möchte. Als Untermauerung möchte ich hier noch die dreizehn Weihnachtsmänner anführen – na ja, Weihnachtsmänner – eigentlich sind die dreizehn ja Trolle. Ihre Mutter ist die Jahrhunderte alte Trollfrau Grýla, mit der die Brüder nicht gerade das große Los gezogen haben. Grýla ist fast immer schlecht gelaunt und nörgelt an ihren Söhnen herum. Außerdem ist sie eine schlechte Köchin und lässt die Jungs nur im Winter aus ihrer Höhle im Hochland… 

Es würde an ein Wunder grenzen, wenn all diese Besonderheiten nicht starken Einfluss auf die künstlerische Schaffenkraft der Menschen auf dieser besonderen Insel hätte. Die Assoziationen an Wildbäche, Elfen, Wasserfälle, Gletscher und Nordlichter finden sich in der Musik der berühmtesten Töchter und Söhne der Insel. Island war schon immer Projektionsfläche für das Schräge, Außergewöhnliche, Skurrile, das ganz Andere. Björk, Ólöf Arnalds und der Komponist Jóhann Jóhannsson sowie die Kultband Sigur Rós sind nur einige der Protagonisten einer vitalen Szene, in der ganz eigene, originelle Konzepte in intensivem Austausch untereinander und mit anderen Künstlern entstehen. Außerdem muss man wissen, dass Isländer nicht die Nation oder den Staat lieben, sie lieben die Natur. 

Kein Wunder also, dass die Beschreibungen der Musik von Sigur Rós zum Beispiel so leicht abschweifen und die Naturverbundenheit der Lieder ausmalen. Die für mitteleuropäische Ohren unverständliche Sprache und die ungewöhnlichen Schriftzeichen weben das geheimnisvolle Tuch nur dichter. Eines der Lieder dieser Band wurde zum Soundtrack dieser unserer Reise: Das erhabene »Ára Bátur«. Eine Ode an das Sinnliche, die über neun Minuten gestreckt Traurigkeit einfängt und Tränen freisetzt. Wenn am Ende dann die Sonne samt Chorälen hereinbricht und Hoffnung verbreitet, kann man die Gänsehaut nicht mehr vertreiben. Vielleicht hat Bandleader und Komponist Kjartan Sveinsson auch nur zuviel Bruckner gehört – hier klingt es auf alle Fälle so, als wäre Anton Bruckner in Island wiedergeboren. In der Kombination mit Jón Þór Birgissons Falsett erzeugt das einen eigenen Klangkosmos, der den ganzen Horizont ausfüllt. Für mich klingt hier die Schönheit Islands. Und die ganze Traurigkeit des Winters. Und es erinnert mich an die Worte von Steinunn Sigurdardottir, der grossen isländischen Dichterin: »Wir sind alle Winterkinder, die keine Jahreszeiten ernteten…« 

Leo Fellinger

Anmerkung von IslandReisen.info: Unglaublicher Beitrag Leo – Danke schön!

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